Meine Philsosophie
Dieser Text soll nicht so sehr als Einleitung oder Erklärung dienen, sondern eher als Ergänzung zu meinen Bildern, quasi als Zugabe. Er soll meine Position und insbesondere meine Haltung zur Tradition in der Kunst verdeutlichen.
Im Herzen kann man mich wohl altmodisch nennen – das ewig Neue ist mir meist zu grell, laut und aufdringlich – ich suche und finde Ruhe in der Jahr tausend alten künstlerischen Tradition.
Die traditionelle Kernfrage in der Kunst beschäftigt sich damit, wie man auf einer Bildfläche das Gleichgewicht herstellen kann.
Die Frage nach dem Gleichgewicht ist zugleich auch der Anfang und Inhalt des Prozesses, den der Künstler beschreitet, da die weiße Bildfläche der Leinwand vor der künstlerischen Gestaltung bereits im perfekten Gleichgewicht ist!
Dies ist ein Paradox, da der Künstler in dem Moment, wo er die weiße Leinwand berührt, das Gleichgewicht erst einmal zerstören muss. Er ist ein Provokateur, der das perfekte Gleichgewicht zerstört und gleichsam auf einer anderen Ebene wieder herzustellen versucht. Dies ist Spielart und Wesen der Kunst.
Der Künstler bedient sich hierzu verschiedener Techniken und technischer Hilfsmittel – dies ist sein Handwerkszeug, das er absolut beherrschen muss. Doch seine Kenntnisse über die richtigen Pinsel und Farben sind im Prinzip nur eine Nebensache; In erster Linie ist sein Verständnis über die Organisation der weißen Oberfläche das einzig Wichtige.
Oft heißt es, wir lieben nur das, was wir verstehen. Kann man die Kunst also nur lieben, wenn man sie versteht? Ich glaube ja. Um die Kunst wirklich lieben und wertschätzen zu können, muss man das „Spiel“ des Künstlers nachvollziehen können, wie er mit der Leere, dem Gleichgewicht, der Zerstörung und Wiederherstellung jongliert, wie er von etwas Perfektem, Unberührten zu etwas Perfektem, Gestalteten findet.
Das Verständnis über die inneren Gesetzmäßigkeiten und Spielregeln dieses kreativen Schaffensprozesses gehört meiner Meinung nach zur künstlerischen Bildung – was heut zu Tage keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, da man landläufig davon aus, jedermann könne die Kunst einfach so verstehen.
Es geht also nicht nur um die Technik und das hübsche Aussehen eines Bildes –
für den Künstler ist die Kunst eine Frage des „Glaubens“: Die Leinwand ist für ihn ein Modell des Urhintergrundes der Welt. Das Gemalte symbolisiert unsere sichtbare Welt und der Künstler selber sieht sich als Schöpfer eben dieser Welt.
Dieses Modell zu erkennen, welches dem Bilde innewohnt, bringt dem Betrachter die größte Freude. Er sieht auf der Bildfläche verschiedene Formen und Farben angeordnet, deren Organisation eben diese Wirkkräfte entfachen, die aus den Einzelteilen eine Ganzheit bilden. Diese Ganzheit ist nun der Spiegel unseres Selbst.
Hierzu möchte ich eine Parabel aus dem alten China erwähnen:
Der Gelbe Kaiser hatte einen berühmten Künstler eingeladen, damit er ihm seine Kunst demonstrieren würde. Der Künstler wurde in den Palast geführt und es wurden ihm Papier, Pinsel und Tusche gegeben. Dort wartete er auf den Kaiser, welcher jedoch lange nicht erschien (es war ja immerhin der Kaiser!). Als der Kaiser dann endlich eintraf, war der Künstler inzwischen eingeschlafen. Unwirsch wurde er von einer Wache aus dem Schlaf gerissen, schreckte hoch und kippte dabei aus Versehen das Töpfchen mit Tusche um. Die Tusche lief über das Papier und bildete dort einen großen schwarzen Fleck. Der Künstler sprang schnell auf, nahm den Pinsel und begann zu malen. Aus dem schwarzen Klecks schuf er nach und nach Berge, Flüsse, Wälder und Wolken. Der Kaiser wohnte verwundert diesem Schaffensprozess bei und war anschließend so begeistert, dass er den Künstler als Kunstmaler bei Hof einstellte.
Auch ich versuche mich an diese alte Tradition zu halten. Nicht umsonst heißt es, dass das Neue häufig etwas Altes ist, das in Vergessenheit geraten war. Gerne führe ich bei Interesse in einem persönlichen Gespräch meine Ideen weiter aus.
Igor A. Gorizontov
My Philosophy
This text is not so much an explanation of my work as a supplement to it – some bonus material, if you will. It describes my relationship with tradition, and my stance on it as an artist.
Deep down, I am old fashioned. I usually experience the new as too shrill, too loud, too obtrusive. I find peace of mind in the thousand-year-old painting tradition. Its basic question has always been how to produce a sense of balance on the picture surface. This question initiates a process on which all artists must embark, but it also confronts them with a paradox: to make a painting they must first destroy the perfect balance of the blank canvas. This makes artists into provocateurs, who upset an equilibrium in an attempt to recreate it on a different plane. This constitutes the variety and heart of art itself.
When making a work of art, painters avail themselves of various techniques and technological aids. These are the tools of the trade that they all must master. But knowledge of which brush or color to use is, at root, a minor point. What really matters is a grasp of how to organize the blank canvas.
Often this means loving only that which we understand. But can one only love art if one understands it? I think the answer is yes. To love and value art truly, the beholder must be able to understand the game artists play – how they juggle emptiness, equipoise, destruction, renewal, how they take something perfect and untouched and turn it into something perfect and plotted.
Learning to understand the inner workings and rules of the creative process is, I believe, a crucial part of an art education. But nowadays this is rare, the common assumption being that anyone can understand art. The point is not technique and pretty appearances. For painters, the canvas serves as the original template of the world itself. Its painted surface symbolizes the visible realm, the artist its creator. Recognizing this template is the greatest joy of beholding a painting. Its forms and colors are organized in such a way to create a whole, a whole that is the mirror of our selves.
This brings to mind an ancient Chinese parable:
The Yellow Emperor had invited a famous artist to demonstrate his skills. When the artist arrived at the palace he was led into the court and given paper, brush, and ink. The emperor being the emperor took his time to appear. When he finally arrived, the artist had fallen asleep. A guard gruffly shook him and he startled awake, accidentally knocking over the little pot of ink. Its contents spilled across the paper leaving behind a large blot. The artist quickly took the brush and began to paint. Out of the black splotch he gradually created mountains, rivers, forests, and clouds. The emperor observed the artist’s creative process with astonishment and was so pleased with the final work that he appointed him court painter.
I too try to adhere to the old tradition. Not for nothing do they say that the new is often the old that’s been forgotten. I’d be happy to talk more about my ideas in person for anyone interested.
Igor A. Gorizontov

